Sonntag, 4. Juli 2010

Modularbeit "Das Parfum" 4

Die Selbstansicht Grenouilles 1

Ich möchte mich im folgenden Text mit der Selbstansicht Grenouilles beschäftigen. Mir fiel auf, dass er sich anfangs nicht als böse bezeichnet. Den Verlauf bzw. die Veränderungen seiner Selbstansicht fand ich sehr interessant und deshalb möchte ich diese sie, mit Hilfe von Zitaten, ergründen und vor allem aufzeigen.

Der erste Mord. Hier beginnen für mich die Veränderungen. Grenouille erlebt das erste Mal richtige Gefühle, Glücksgefühle. Und dies, wegen einem Mord. Ihn scheint das nicht zu stöhren, er scheint es gar nicht wahrzunehmen. Mir kommt es so vor, als denke er gar nicht daran, was er eigentlich getan hat. Er ist völlig geblendet vom Geruch dieses Mädchens. Ich zitiere jene Stelle:

„Jetzt aber zitterte er vor Glück und konnte vor lauter Glückseeligkeit nicht schlafen. Ihm war, als würde er zum zweiten Mal geboren, nein, nicht zum zweiten, zum ersten Mal, denn bisher hatte er bloss animalisch existiert, in höchst nebulöser Kenntnis seiner selbst. Mit dem heutigen Tag aber schien es ihm, als wisse er endlich, wer er wirklich sei: nämlich nichts anderes als ein Genie; (...)“ (S.57)

Es scheint als würde Grenouille, die Zecke, erst jetzt anfangen zu leben. Er sagt sogar, er glaube zu wissen, wer er sei. Es scheint so, als hätte er seine Bestimmung gefunden.
Ich möchte noch eine weitere Stelle zitieren, die mir wesentlich erscheint.

„Dass am Anfang dieser Herrlichkeit ein Mord gestanden hatte, war ihm, wenn überhaupt bewusst, vollkommen gleichgültig. (...) Er hatte ja das Beste von ihr aufbewahrt und sich zu eigen gemacht: das Prinzip ihres Duftes.“(S.58)

Grenouilles sieht seine Tat, ebenso, wie sich selbst, nicht als böse an. Er denkt gar nicht darüber nach. Alles, was für ihn zählt, ist der Duft. Er sieht alles um sich herum nicht mehr, es ist ihm gleichgültig, wie im Text steht. Ausserdem rechtfertigt er sich damit, dass das Beste, also der Duft, ja gut aufgehoben sei. Er sieht kein Mädchen, er sieht nur ihren Nutzen.

Grenouilles sieht sich selbst also nicht als eine böse Person. Nun hatte er ja gesagt, er wüsse nun, wer er sei. Doch diese Sicherheit wird ihm genommen, als er merkt, dass er selbst nicht riecht. „Was er jetzt empfand, war die Angst über sich selbst nicht bescheid zu wissen.“ (S. 175) Grenouille wird hier wieder einmal damit konfrontiert, dass er anders ist. Bisher störte ihn das nicht. Doch der Geruch ist wohl das wichtigste in seinem Leben. Er riecht alles. Er war doch so von sich selbst überzeugt, er war ein Genie! Wie konnte es also möglich sein, dass er nicht roch?- Er war ein Genie des Geruches, dass nicht roch. Ich denke diese Erkenntnis machte ihm doch recht zu schaffen.

Die wahrscheinlich wichtigste Stelle( im Hinblick auf die Selbstansicht Grenouilles ), finde ich jedoch jene auf Seite 199:

„Und er sagte sich, dass er es wolle, weil er durch und durch böse sei.
Er lächelte und war sehr zufrieden.“

Nun also der Wendepunkt. Grenouille bezeichnet sich als böse und noch wichtiger, es gefällt ihm! Für ihn war es nichts Spezielles, nichts Beunruhigendes. Er bekennt sich als böse, er nimmt es wahr und geniesst es.

Diese Wahrnehmung ändert aber nichts an seinem Verhalten. Er mordet weiter mit Orientierung nur auf den Geruch. Gefühle entstehen nur im Bezug auf den Duft, niemals im Bezug auf die Person.

Nun zu seinem „Schloss im Innern seines Herzens“, wie Grenouille es kunstvoll benennt. In der Zeit, in der er im Vulkan vegetiert, flieht er immer wieder in seine ganz eigene Welt. Man muss dazu sagen, dass Grenouille eigentlich schon immer in einer eigenen Welt gelebt hat. Er beginnt zu fantasieren und im Zentrum seiner Fantasien steht immer er, Grenouille, als Herrscher über ein Reich, als bewundernswerte Autoritätsperson. Er stellt sich als Herr der Düfte dar.
Meiner Meinung nach sind diese Vorstellungen einerseits Schutz vor der Schizophrenie und/oder der Einsamkeit, obwohl sich das Grenouille niemals eingestehen würde, andererseits reift er für mich erst in diesem Teil des Buches zum richtigen Grenouille! Ich meine damit, dass die prunkvolle Selbstdarstellung wahrscheinlich auch ein wenig die Unsicherheit von Grenouille zeigt. Er weiss nicht recht, was er ist. Und durch diese unglaublichen Fantasien stärkt er sich. Er wird selbstsicherer, er verstärkt seinen Willen den perfekten Duft zu erstellen und er redet sich immer und immer wieder ein, dass er genial sei. Ich weiss nicht, ob Grenouilles Unterbewusstsein handelte oder ob er dies ganz bewusst getan hat.

Als er aus der Höhle zurückkehrt sind seine Sinne geschärft und sein Kopf klar. Grenouille ist stärker als je zuvor. Er ist überzeugt von seinem Talent und sich selbst. Diese innerliche Veränderung steht im krassen Gegensatz zu seiner äusserlichen Erscheinung.

Am Ende des Buches zeigt sich seine Haltung zu sich selbst am deutlichsten. Er bezeichnet die Menschen als dumm und fühlt sich klar überlegen. Er ekelt sich sogar vor den Leuten. Grenouille ist so von sich selbst überzeugt, dass er sich nun völlig abgeschottet hat. Er vergisst vollkommen, dass er selbst ein Mensch ist und es ist ihm gleichgültig. Er hätte wohl nie normal leben können, er hätte nie Kontakt mit einer Person aufbauen können und deshalb war er wohl zur Einsamkeit verdammt.
Erschreckend ist, dass ihn dies wohl nie störte.

1 Kommentar:

  1. Anfangs war ich mir nicht ganz sicher, ob ich diesem Text auch ein 'gut' geben kann. Deine Fragestellung ist gut, deine Beobachtungen sind zwar durchaus genau, deine Schlussfolgerungen aber recht absehbar. Im zweiten Teil wirst du aber etwas kühner und kommst auch zu spannenderen Ergebnissen. Sprachlich wie immer 'gefällig'.

    Eine Frage: Bedeutet die '1' im Titel, dass hier noch mehr folgen soll?

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