Sonntag, 4. Juli 2010

Modularbeit-das Parfum 3

Alternativ-Ende

Zur Information: Ich beginne die Geschichte neu zu Ende zu erzählen ab dem Punkt, wo Grenouille nun endlich seinen Jungfrauenduft erstellt hat.

Nun hatte er also sein Lebensziel erreicht: Den Duft der Jungfrau. Leicht aber gleichzeitig stark, lieblich und trotzdem nicht süss; der Duft war schlichtweg umwerfend!
Grenouille sog einen kleinen Hauch der noch in der Luft schwebte in seine gierige Nase ein. Auch minimal dosiert, war der Duft berauschend wie eine Droge. Grenouille wusste, dass dies sein Ziel war. Er hatte sein Leben lang gekämpft, gelitten und gelernt um diesen Flakon erstellen zu können. Und nun trug er ihn in den Händen. Es war ein Schatz, der Schatz seines Genies. In diesem Parfum lag all sein Talent, seine Hingabe, vielleicht sogar alle emotionsähnlichen Empfindungen, die Grenouille jemals hatte.
Er fühlte zwar Glück, er wusste nun, dass er angekommen war. Aber andererseits ekelte es ihn an. Die Menschen ekelten ihn an. Sie würden durchdrehen. Wegen der Macht eines Duftes. Natürlich, der Duft war hervorragend, geradezu perfekt. Aber dennoch, es war nur ein Duft. Die Menschen waren dumm. Sie liessen sich so gut kontrollieren, täuschen und verführen.
Er, Grenouille, hatte mehr Macht als Gott, er war Gott, der Gott der Düfte, so wie er es längst bereits im Innern seiner Seele war.

Er hasste diese Kreaturen. Während er über seinen Hass nachdachte, beschloss er wieder zu fliehen. Er wollte nie mehr eine Menschenseele erblicken, sie waren es nicht würdig. Den Flakon nahm er mit, er würde diesen Tieren nicht seine Seele schenken, sie wüssten es doch nicht zu schätzen.
Er ging los. Mit der festen Absicht nie mehr zurückzukehren, nie mehr einen Menschen zu sehen und irgendwann dort draussen zu sterben. Er würde mit dem Wissen sterben, dass er, der grosse Grenouille, besser war, als alles da draussen, er würde sich in seiner Todesminute mit seinem Duft übergiessen.

Er war 10 Jahre gereist. Auf Bergwegen, in tiefsten Wäldern und auf dem Meer; weit weg von den unswissenden, dummen Menschen. Seine Reise glich dem Aufenthalt in der Höhle, mit einem Unterschied: Er ging ständig, er entdeckte ständig neue Landschaften, neue Pflanzen, neue Gerüche. Alle Düfte der Welt zu kennen, dies war nun sein Lebensinhalt, er wollte sie nur kennen, sie im Kopf speichern und mischen. Er wollte nie mehr ein Parfum erstellen, für wen auch? Er allein sollte die Ehre haben diese Duftkreationen zu riechen, und das tat er in seinem Kopf und in seinem Herzen, im Königreich des grossen Grenouille.

Er reiste monatelang auf dem Meer. Irgendwann erblickte er Land. Er hatte solche Ländereien noch nie gesehen. Tausende von Pflanzen, er roch die vielfältige Vegetation bereits Kilometer entfernt. In den Geruch dieser Pflanzen hatte sich immer etwas unbeschreiblich starkes und undefinierbares gemischt. Die Intensität dieser neuartigen Gerüche und Kreationen kombinierten sich so, dass Grenouilles Nase beinahe kapitulierte.

Die Düfte fesselten ihn und zwangen Grenouille ihnen zu folgen. Er hatte nicht geglaubt, dass dieser unglaublich intensive Duft noch stärker werden könnte, doch mit jedem Schritt Richtung Ursprungsquelle überwältigte es ihn noch mehr. Schliesslich kam er zu einer Art Marktplatz. Dass jener von dunkelhäutigen Menschen überfüllt war, stöhrte ihn nicht. Als er vor einem Holztisch mit Wahren darauf stand, wusste er, dass der Duft hier seinen Ausgangspunkt fand. Er riss einen violetten Flakon vom Tisch und hielt ihn sich unter die Nase. Er wusste es bereits, doch er konnte es nicht glauben: Es war der Duft der Jungfrau. Es war sein Duft, seine Seele. Wie im Rausch riss er einen zweiten Flakon vom Tisch und schnupperte. Dieser Geruch liess sein Herz stehen. Er war so vollkommen, wie ein Duft nur sein kann. Er war raffinierter als alles, was Grenouille je hergestellt hatte. Das konnte nicht sein. Die Leute wurden nun aufmerksam und der Besitzer des Stades wollte ihn wütend zurechtweisen, doch Grenouille liess sich nicht aufhalten. Er rannte los. Er rannte durch das Dorf und sah in jedes Haus. In der vierten Gasse hatte er Erfolg. Er blickte ins Fenster und sah zwei Dutzend Leute arbeiten. Sie verarbeiteten jegliche Pflanzen, Hölzer, Erde und Gesteine auf eine Art, wie er sie noch nie gesehen hatte. Und nicht nur das, sie arbeiteten auch mit menschlichem. Mit Haaren, mit Haut und Fetten. Diese Leute, sie sahen wie Indianer aus, wahrscheinlich Einheimische, hatten eine Technik gefunden, den Duft eines Menschen im lebenden Zustand zu binden.

Das Schlimmste aber, was Grenouille sah, waren die Arbeiter selbst, nicht die Kreationen, eine umwerfender, als die andere, diese Menschen waren wie er! Sie arbeiteten ohne jegliche Messbehälter, sie rochen ganz einfach. Nei-Es war noch viel schlimmer. Sie waren besser als er! Sie hatten Techniken entdeckt, die Grenouille nie gekannt hatte, hatten Düfte kreiert, von denen er nicht einmal die Einzelteile erraten konte, er kannte sie nicht einmal.

Es war der Moment, in dem der grosse Grenouille starb. Während er auf die Knie sank und sich die Haut vom Schädel kratze schrie er wie ein Tier. Er hörte nicht auf.
Er war nicht Gott, er war nicht besser, er war nicht einmal der Beste! Die ganzen Jahre hatte er geglaubt, er sei etwas Besonderes und die Menschen seien dumm, seien so dumm. Dabei war er dumm. Er war von einem Haufen Wilden übertroffen worden.

Grenouille, die Zecke, war plötzlich so gebrechlich, wie ein Vogel. Schwach sank er blutüberströmt zusammen und starb. Er starb und wurde in den Urwald geworfen. Die Leute verstanden diesen Fremden nicht, jedoch war der Vorfall sehr schnell vergessen, ebenso wie die Mordserie in Grasse. Niemand erinnerte sich bald an den Namen Jean-Baptiste Grenouille.- Weshalb auch? Er war ja nichts Besonderes.

2 Kommentare:

  1. Katja,

    Die Idee, welche dem Text zugrunde liegt, ist reizvoll: Wie würde Grenouille, das Genie, reagieren, wenn er damit konfrontiert ist, nicht mehr der allerbeste zu sein. Man merkt, dass du dich mit deinem Ende auf andere Elemente des Romans beziehst. Wie in die andern Texte auch schon liest sich dieser hier angenehm. Wieso aber gebe ich dem Text kein 'sehr gut'? Schwer zu umschreiben – ihm fehlt das 'gewisse Etwas'. Es fehlt ihm vielleicht die Präzision in der Beschreibung von Riechvorgängen aber auch von Handlungen. Das mit dem Indianerbezug wäre historisch zwar möglich, doch ist Grenouilles Weg zu ihnen nur (zu) schemenhaft gezeichnet. Vielleicht willst du dich auch noch Noras alternativ-Ende anschauen, welches ich eine Spur besser finde, als deines hier... Aber nochmals: Dein Text ist klar 'gut'.

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  2. Ich habe Noras Alternativ-Ende bereits gelesen.
    Ich denke aber auch, dass ihre Idee nicht mit meiner zu vergleichen ist. Ich fand ihren Text wirklich gut, aber unsere Schreibstile sind doch sehr verschieden. Trotzdem danke für die Kritik! Ich versuche sie so gut wie möglich umzusetzen.

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