König Ödipus, ich bin schockiert. Prometheus, ich bin schockiert. Iphigenie auf Thauris, ich bin schockiert!
Vatermord, Liebschaften mit der eigenen Mutter, ewiges Leiden, Brudermord. So viel Grausamkeit.
Ich frage mich immer wieder: wieso?
Die griechischen Sagen leben fast schon von dieser Brutalität, sie ist ein wichtiger Teil des Inhalts und immer vorhanden.
Ich frage mich, woher das kommt, was der Sinn dahinter oder die Auswirkungen sind.
Was mir als erstes auffällt, ist, dass diese Gräueltaten immer relativ trocken geschildert werden, fast schon nebenbei erwähnt werden. Der Hauptinhalt der Geschichten ist immer das Leiden von Leuten, nicht aber speziell der Ursprung dieses Leiden. Es scheint mir manchmal fast so, als ob krankhaft nach verstrickten Umständen gesucht wird, nur um wieder eine ausweglose und erdrückende Situation für den Protagonisten zu erschaffen.
Liest man die Texte, kann man den Inhalt oft fast nicht glauben, man kann es nicht fassen und man möchte es eigentlich auch nicht wahrhaben.
Eine weitere Beobachtung ist, dass die Grausamkeiten eigentlich nie einem schlechten Charakter zugeschrieben werden. Alles wird immer so formuliert, dass zwar ein Mord begangen wird (oft aus einem vorhergehenden Konflikt) und dann erst später herauskommt, dass es ein Familienmitglied war oder die Umstände doch anders waren.
Die Schuld des Protagonisten wird durch das Schicksal etwas gedämpft und vom Leser noch dramatischer aufgenommen. Man würde sich nicht in einen Menschen hineinversetzen der aus Eifersucht seinen Bruder ermordet. Werden die beiden Männer aber vom Schicksal, nach einer Trennung in Kindstagen, zusammengeführt und in einem Streit erschlägt der eine unwissentlich seinen eigenen Bruder, dann versetzt man sich als Leser in seine Lage. Man leider mit der Person und denkt sich: "Er wusste das doch nicht! Der Arme!". Weil die Gräueltaten immer so verschleiert sind, wirken sie so unschuldig! Man vergisst zwischendurch oft, dass am Anfang des Leidens trotzdem ein Verbrechen steht. Ob dies nun versehntlich an einem Bruder oder an irgendeiner Person begangen wurde, ist eigentlich nur ein Detail.
Ist vielleicht genau das der Sinn? Dass man sich in die Lage dieser scheinbar vom Schicksal gestraften Menschen hieneinversetzt?
Ich kann diese Frage nicht ganz überzeugt mit ja beantworten. Für mich persöhnlich sind die Geschichten oft sehr anstrengend und unwirklich. Die Schicksale sind schrecklich aber irgendwie zu gesucht. Es wirkt nicht realistisch und deshalb kann ich mich dann eben doch wieder nicht ganz in die Person hineinfühlen.
Ein weiterer Knackpunkt in meiner Analyse wäre die Rolle der Götter. Kann man sie in den griechischen Sagen mit dem oben oft erwähnten Schicksal gleichstellen? Sollen die Sagen die Macht der Götter über den Menschen demonstrieren oder sind sie nur ein Symbol für das Unbegreifliche? Eine Verbildlichung oder Vereinfachung für den Menschen, um unerklärte Wege des Lebens verständlicher zu machen oder eine schlimme Situation besser verdauen zu können?
Wie funktioniert das dann aber für den "Täter"? Wenn man erkennt, dass die Götter eigentlich mehr eine Stütze sind, heisst das dann für einen Mörder, dass er sich eine Illusion macht oder machen darf, um so seine Tat überhaupt verkraften oder sogar vertreten zu können?
Wäre das dann noch positiv? Soll man dann seine Taten mit dem Schicksal oder göttlichen Willen begründen dürfen?
Darf man riskieren, dass sich Menschen von ihren Taten abspalten können, nur weil es anscheinend nicht in ihren Händen liegt?
Wieso sollten griechische Sagen so etwas wollen?
Vielleicht ist ihr Sinn auch, dass eben alles etwas unwirklich scheint und der Leser auf eine Art getäuscht wird, damit er sich mit solch schlimmen Dingen auseinandersetzt, ohne dass sie ihm so präsent vorkommen, ohne dass er das Gefühl hat, man möchte direkt an ihn apellieren. Eine versteckte Belehrung also.
Fragen über Fragen, die ich wahrscheinlich nie vollständig beantworten kann. Trotzdem denke ich, dass auch die dahingestellten, unbeantworteten Fragen irendwodurch ihren Zweck erfüllen. Sie auszuformulieren, hat mich bereits auf Spuren geleitet, denen ich eventuell in einem späteren Blog nachgehen werde.
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