Ich möchte mich im folgenden Text mit Wilhelm aus "die Leiden des jungen Werther" beschäftigen und dabei anfangs eine These aufstellen: Ich glaube, dass Wilhelm als Person im Buch nicht existiert. Mit nicht existiert, meine ich, dass er nicht wichtig ist. Ich denke, dass es nicht Goethe`s Absicht war, dass der Leser sich Gedanken zu seiner Person bzw. zu seiner Persöhnlichkeit macht. Wilhelm ist nur ein Mittel um das Buch realistisch zu machen. Der Brief ist das Werkzeug Goethe`s und deshalb braucht man mindestens einen Namen als Empfänger, auch wenn dieser, meiner Meinung nach, sonst bewusst keinen wirklichen Einfluss auf die Geschichte hat.
Basierend auf dieser Überlegung habe ich eine Recherche gemacht und verschiedenste Informationen über Wilhelm gesammelt. (Die erwähnten Texte wurden von verschiedensten Personen verfasst, die sich selbst an eine Interpretation wagten und können somit nicht als sichere Quellen angesehen werden!-Sie dienten mir jediglich als neue Anhaltspunkte und Sichtweisen.)
Das Buch dreht sich um die Leidensgeschichte von einem gewissen "Werther". Der Autor, Goethe, benutzt dazu ein sehr interessantes Mittel: den Brief.
Dem Leser wird eine "künstliche" Sammlung von Briefen Werhter`s an seinen Freund Wilhelm vorgesetzt. Die Sammlung, die der Leser vor sich hat, scheint aber nicht komplett zu sein. Es sind nur Briefe von Werhter an Wilhelm vorhanden, jedoch keine, die von Wilhelm verfasst wurden. Meiner Meinung nach, hat dies auch einen oder mehrere Gründe.
Goethe will die Geschichte Werther`s auf eine neue, spannende und auch etwas geheimnisvolle Weise erzählen. Wilhelm spielt dabei eigentlich keine Rolle. Er wirkt fast unsichtbar. Der Fokus soll voll und ganz auf Werhter und dessen dramatische Entwicklung liegen. Wenn Antwortbriefe von Wilhelm aufgeführt wären, würde man den Fluss unterbrechen, der durch die ansteigende Dramatik und Vezweiflung entstehen. Für mich wirkt das Buch von Brief zu Brief immer stärker, wie ein Sog. Es wäre gut möglich, dass dieser durch Antwortbriefe zerstört würde und dem Leser wieder mehr Abstand zur ganzen Geschichte und vor allem zur Einzelperson Werhter geben würde.
Interessant fand ich einen Text über das Buch, in dem der Verfasser schreibt, dass Wilhelm so spärlich beschrieben sei und seine Antworten nur teilweise in den Briefen Werther`s zu erahnen seien, um den Leser in seine Position zu versetzen. (Quelle: http://benwahler.tripod.com/wertherd.htm am 11.03.12 um 13:06)
Diese Idee ist in etwa das Gegenteil von meiner. Ich denke nämlich, dass man sich, weil Wilhelm fast schon übergangen wird, in Werther versetzen muss. Nur er scheint in der Geschichte wichtig zu sein. Als Hauptperson, als Verfasser der Briefe, als Sichtweise auf das Geschehen. Meinen "Verdacht" könnte man, durch die verschiedensten Parallelen zu Goethe selbst und Werther, noch bestärken. (siehe zum Beispiel: http://deutschkursd2.wordpress.com/2009/03/25/werther-als-autobiographie-goethes-%E2%80%93-parallelen-zwischen-werther-und-goethe/)
Goethe will, dass der Leser sich in sein bzw. in das Innerste des leidenden Werhter`s versetzt und ihn versteht und bemitleidet.
Weiterhin fragte ich mich, eben weil diese Parallelen vorhanden sind, ob es vielleicht doch eine Person in Goethes realem Leben gab, die Wilhelm im Buch verkörpen könnte. Dazu bin ich ebenfalls auf einen sehr interessanten Text gestossen, in dem es heisst, Goethe sei sehr schockiert über einen Selbstmord eines gewissen Karl Wilhelm Jerusalem gewesen sein, der sich wegen einer Frau erschoss.
(Quelle: http://www.meinebibliothek.de/Texte2/html/goethe.html , am 11.03.12, um 13:19)
Sollte dieser Karl Wilhelm, neben Goethes eigenem Leben, die Inspiration für Goethes Werk gewesen sein? Ist somit die Figur Wilhelm, die im Buch der Freund Werhter`s ist, eine Art Widmung?
Diese Fragen kann man wohl nicht beantworten und obwohl sie auch sehr spannend sind, belegen sie meine These, dass Wilhelm nicht relevant ist für die Geschichte noch lange nicht, auch wenn es einen Franz Wilhelm gegeben hat und auch wenn dieser Goethe inspirierte.
Um zu einem Ende zu kommen, stelle ich mir noch einmal die Frage: Wer ist Wilhelm?
Man könnte sagen, ich hätte mich in dieser Recherche nur im Kreise gedreht, denn ich bin immer noch fast der gleichen Meinung, die ich am Anfang dieses Textes formulierte. Dies stimmt aber nicht ganz. Für mich bleibt Wilhelm eine Art Phantom in diesem Buch, da er, meiner Meinung nach, bewusst irrelevant ist und seine Antwortbriefe, dem Text wirkungsmässig geschadet hätten. Trotzdem haben mich die verschieden Quellen soweit beeinflusst, dass ich mir mehr Gedanken über ihn mache, und mich wiederum frage, ob genau dies vielleicht doch die Absicht Goethe`s war.
Ob bewusst oder unbewusst. Wilhelm scheint, obwohl fast inexistent, interessant zu sein.
Ich finde deine These und deine Recherchen spannend. Allenfalls willst du dieses Material ja als Vorstufe für eine breitere Untersuchung im Rahmen der Modularbeit benützen. Dort würde ich dir aber anraten auch noch mit wissenschaftlicher Sekundärliteratur zu arbeiten (das können wir dann ja noch anschauen...).
AntwortenLöschenEtwas Kleines noch: Genitivformen! Zum Namen 'Werther' gibt es zwei Formen - Die Hauptform 'Werthers' (Die Leiden des jungen Werthers) und die Nebenform 'Werther' (Die Leiden des jungen Werther). Goethe hingegen würde sich im Grabe umdrehen, wenn du ihm oder seinem Protagonisten die apostrophierte, englische Form angedeihen lässt: Meiner und wohl auch Goethes Ansicht nach, sind Formen wie 'Goethe's' und 'Werther's' im Deutschen schlicht nicht haltbar.